Achtsamkeitspraxis und Psychotherapie

Der Umgang mit Wahrnehmungen, Gedanken, Gefühlen und Handlungsimpulsen während der Achtsamkeitspraxis entspricht einem entscheidenden Prozess in der Psychotherapie. Viele Menschen suchen eine Psychotherapie auf in der Vorstellung, durch Psychotherapie bestimmte Erfahrungen möglichst für immer loszuwerden: Endlich körperlich schmerzfrei zu werden, sich nicht mehr zu ängstigen oder schüchtern zu sein, keine deprimierenden Gedanken mehr zu denken, nicht mehr so wütend zu werden in Partnerschaftskonflikten.

Psychotherapie als junge wissenschaftliche Disziplin hatte sich diesem Ziel im Laufe ihrer Entstehungsgeschichte zeitweilig verpflichtet. Im Sprachgebrauch findet sich das dann in an Dressur erinnernden Begriffen wie ,Löschung konditionierter Reaktionen'. Inzwischen ist es, auch auf dem Hintergrund der Neurowissenschaften, erwiesen, dass innere Muster (Schemata) erhalten bleiben, wenn sie einmal angelegt sind. Selbst wenn man mit Hilfe der Psychotherapie keine Panikattacken mehr erlebt, bleibt vermutlich die Reaktionsbereitschaft, schnell unterschwellig und instinktiv mit Angst zu reagieren, erhalten. Wer immer schüchtern war, spürt vermutlich weiterhin eine Art innere Hürde, bevor er eine attraktive Person des anderen Geschlechts anspricht, und wenn er noch so oft selbstsicheres Verhalten trainiert hat oder sich die tieferen Ursachen für seine Probleme in der Kindheit erschlossen hat. Der körperlich spürbare Impuls der Wut kehrt manchmal wieder, der selbstabwertende Gedanke wird vielleicht wieder einmal auftauchen- vielleicht gerade, wenn es einem richtig gut geht - auch wenn wir unbewusste seelische Prozesse durch Therapie in Sprache zu fassen lernen. 

Schlechte Nachrichten? Keineswegs. Der Schlüssel, diesen Prozessen ihre krankmachende Wirkung zu nehmen, liegt in der Überarbeitung und Veränderung unserer Reaktionen auf diese Prozesse.

Gute Nachrichten.  Diese Reaktionen lassen sich verändern durch Psychotherapie, aber auch durch Achtsamkeitspraxis. Die Konsequenz bezüglich des Erlebens ist ganz erheblich. Unsere Reaktionen auf innere Prozesse entscheiden letztlich, ob wir psychisch erkranken oder zurecht kommen. Diese wiederholten Veränderungen in der Reaktion auf innere Prozesse bilden langfristig Gewohnheiten, wodurch die früheren Symptome abgeschwächt werden - auch wenn sie nicht gänzlich verschwinden. Müssen sie auch nicht. Entscheidend ist, ob es gelingt, ihnen die zerstörerische Potenz zu nehmen. Das ist möglich und bildet sich nach längeren Psychotherapieprozessen, aber auch nach intensiver Achtsamkeitspraxis letztlich in Form der Veränderung von Gehirnstrukturen ab, hier wird die Änderung im wahrsten Sinne des Wortes plastisch. 

Nicht automatisiert reagieren - das ist der Schlüssel. Denke ich den selbstabwertenden Gedanken weiter und bin ich überzeugt, er stimmt dauerhaft? Dann habe ich reagiert und fühle mich vermutlich deprimiert. Bedeutet der beschleunigte Herzschlag wirklich, dass ich einen Herzinfarkt bekomme und vor allen zusammenbreche und sterbe? Wenn ich so auf mein Körpergefühl reagiere, finde ich mich vermutlich mit einer Panikattacke in einer Notfallambulanz wieder. Reagieren bedeutet aber auch enttäuscht zu denken: ,Schon wieder dieses Problem, dabei habe ich doch jetzt alles getan gegen meine Depression'. 

Was in unserem Bewusstsein auftaucht, können wir nicht steuern. Nicht im Alltag, nicht in der Achtsamkeitspraxis. Der Versuch, innerlich etwas zu unterdrücken, wird auf Dauer eher misslingen. Wir üben, den Gedanken einfach als mentales Ereignis zu betrachten, ohne ihn weiter zu denken, ohne ihn all zu wichtig zu nehmen, ohne sein Auftauchen zu bewerten, dabei eine freundlich- akzeptierende Grundhaltung gegenüber uns selbst aufrechtzuerhalten. Freundliches Akzeptieren heisst dabei keineswegs immer auch Gutheißen. Eher geht es darum zu lernen, auf destruktive Impulse nicht mehr zu re-agieren. Das lässt sich erreichen, wenn wir das, was auftaucht in uns, nicht mehr persönlich nehmen, uns nicht damit identifizieren.

Nicht einfach? Stimmt. Manchmal braucht es dafür die Hilfe eines Gegenübers, wie in der Psychotherapie. In der Achtsamkeitspraxis üben wir auf diese Art und Weise einen heilsamen, im gewissen Sinne psychotherapeutischen Umgang mit unseren inneren Prozessen, ohne diese verändern zu müssen. Wir dürfen in Psychotherapie und auch in Achtsamkeitspraxis die Menschen bleiben, die wir sind. Die Gedanken sind frei! 

Seine eigenen Gedanken und inneren Vorgänge zu akzeptieren, Bewertungen über Bord zu werfen, sich distanzieren können von destruktiven Impulsen ist Ausdruck von tiefer innerer Freiheit. Das Erreichen dieser Freiheit ist aus buddhistischer Sicht erlernbar durch kontinuierliche Übung. Diese Freiheit findet sich in mentalen Zuständen jenseits von Hass, Ignoranz und Gier. Das Potenzial, diese Freiheit zu erreichen tragen wir immer schon in uns. Bereits die feste Entschlossenheit, uns in diesem Sinne zu befreien, ist ein entscheidender und großer Schritt in Richtung der Befreiung vom Leiden - und Ausdruck von Freundlichkeit für uns und alle fühlenden Wesen. Achtsamkeitspraxis erinnert uns an dieses Potenzial in uns, sie bietet die Chance, aufzuwachen in unsere ursprüngliche, heile Natur.