Meditation üben- Egotrip oder Ausdruck sozialer Orientierung?

"Zum Wohle aller fühlenden Wesen sind wir zusammengekommen um Achtsamkeitsmeditation zu praktizieren."

Als ich Achtsamkeitsmeditation in Indien in buddhistisch geprägter Umgebung in den frühen 90er Jahren erlernte, fehlte dieser Satz nie nach den Zeiten gemeinsamer Meditation. Zudem wurde, je nachdem was am Tag geübt worden war, allen fühlenden Wesen etwas Entsprechendes gewünscht - etwa die Entwicklung von Mitgefühl, die Überwindung von Leiden oder einfach die Möglichkeit, Lernen zu lernen. 

Diese Motivation für die Praxis der Achtsamkeit, zum Wohle aller Wesen zu üben, ist im klassischen (buddhistischen) Meditationsverständnis von herausragender Bedeutung. 

Wenn Sie Achtsamkeit wie z.B. hier beschrieben üben - ganz gleich, ob zur Bewältigung Ihres Stresses, Ihrer körperlichen Schmerzen, Ihrer emotionalen Probleme oder auf spiritueller Suche -üben Sie zum Wohle aller Wesen. Weniger abstrakt ausgedrückt: Wenn Sie besser mit sich selbst zurecht kommen, Ihr Herz öffnen, Ihren Stress, seelischen oder körperlichen Schmerz bewältigen, wird Ihre Umgebung davon genauso profitieren wie Sie selbst. 

"Im Buddhismus misst man spirituelle Reife an der Fähigkeit zu erkennen, wie abhängig wir voneinander sind." (Y. Nakasone: Ethik des Erwachens)

Das Festhalten an der Vorstellung getrennt und isoliert von den anderen zu existieren ist aus buddhistischer Perspektive zugleich größte Illusion und Ursache für heftigstes seelisches Leiden. 

Wenn Sie Achtsamkeit im Alltag praktizieren, werden Sie vielleicht die Erfahrung machen, dass sich die Reaktionen auf destruktive Vorgänge ändern und diese immer weniger hinnehmbar werden - ganz gleich, ob es sich um die Zerstörung der Umwelt, soziale Ausbeutung und Unterdrückung oder Gewalt gegenüber Menschen und allen anderen fühlenden Lebewesen handelt.   

Sensibilität, Wachheit und Güte des Herzens sind schon immer in Ihnen vorhanden - es ist nur eine Frage ob Sie Zugang dazu haben oder sich aus Angst und altem Schmerz verschließen. Erwachen diese Qualitäten in uns bleibt dies für unser gesamtes Umfeld keineswegs folgenlos. Achtsamkeitspraxis, in diesem Sinne praktiziert, bringt Zuwendung und Öffnung gegenüber unserem Lebensraum mit sich.